Lincoln Continental

Modelljahr 1961 – 63

 

 

 

 

 

 

 
   

1961 wurde der völlig neue Lincoln Continental vorgestellt. Er hatte nichts mehr mit dem gigantischen und stilistisch verwegenen Vorgänger Continental Mark V gemein und wurde als Limousine und 4-türiges Cabriolet bis 1963 nahezu unverändert gebaut. 1964 erhielt der Continental einen längeren Radstand und man verzichtete auf das stark eingezogene Dach mit den gewölbten Seitenscheiben. Beim nächsten Modelljahr fallen die profilierte Motorhaube, der veränderte Kühlergrill und die vorderen um die Ecke gezogenen Positions- und Blinkleuchten auf. Der Pseudo-Kühlergrill im Heck verschwindet. Die 66er und 67er Modelle präsentieren sich mit völlig neuer, wesentlich größerer Karosserie, die allerdings noch Stilelemente der Vorgänger wie die stark betonte, vorn und hinten nach unten auslaufende Gürtellinie und die hinteren suicide doors aufweist. 1968 stellt Lincoln die Produktion der Cabrios ein.

Der revolutionäre 61er Continental war einer der schönsten und besten Lincoln, die je gebaut wurden. (...) Das glattflächige, einer Skulptur gleichende Design war aus der Zusammenarbeit von sieben Ford-Designern entstanden, die im Juni 1961 vom Industrial Design Institute (IDI) für ihre Leistung ausgezeichnet wurden (…). Das IDI, das höchst selten seine Auszeichnung an Autodesigner verleiht, bezeichnete ihr Produkt als überragenden Beitrag von Schlichtheit und Designkunst.[1] Das Auto wirkt aufgrund seiner reduzierten Formensprache und seiner ausgewogenen Proportionen bestechend und trotz seiner Größe, zumindest ohne Kontext, geradezu zierlich. Wie kein zweiter, prägte der Lincoln Continental das Design amerikanischer Autos der 60er Jahre. Bei Lincoln-Modellen sind bis 1989 Stilelemente des 61er Modells erkennbar.

Technisch war der Lincoln eher Standard in der amerikanischen Oberklasse. Der mit über 7 Liter Hubraum seinerzeit größte PKW-Motor der Welt, gibt im Vergleich zu seinen Konkurrenten Cadillac und Imperial mit 300 PS zwar etwas weniger Leistung ab, hat aber den besseren Drehmomentverlauf. Die resultierenden Fahrleistungen sind trotz des unglaublich hohen Leergewichts von fast 2,6 to selbst aus heutiger Sicht noch absolut ausreichend: 631 Nm beschleunigen den Wagen in unter 12 sec auf 100 km/h; die Höchstgeschwindigkeit soll bei über 180 km/h liegen. Aufgrund des Fahrwerks und der Abwesenheit jeglicher Sicherheitsfeatures sind Geschwindigkeiten über 160 km/h ohnehin der Übergang von Mut zu Wahnsinn. Bei geöffnetem Verdeck und Geschwindigkeiten von über 160 riskiert man außerdem den Verlust seines Hutes. Hinzu kommen Bremsen, die schon seinerzeit Maßstäbe in negativer Hinsicht setzten. Bremsen ein 62er Cadillac und ein 62er Lincoln aus 96 km/h voll ab, so ist der Lincoln immerhin noch fast 50 km/h schnell, wenn der Cadillac nach 46 Metern zum Stillstand kommt.[2] Da helfen wirklich nur vorausschauendes, defensives Fahren und viel Glück. 1965 erhält der Continental deshalb Scheibenbremsen an den Vorderrädern, was das Problem etwas lindert, aber noch lange nicht beseitigt.[3]

Laufkultur und Fahrkomfort überzeugen auch heute noch. Der Big Block ist im Stand und beim Dahin gleiten kaum hörbar und grummelt in bestimmten, immer wieder gern herbeigeführten Betriebszuständen verhalten, wirkt aber nie angestrengt. Die Automatik schaltet, falls überhaupt erforderlich, ruckfrei und das Fahrwerk bügelt dank des hohen Gewichts trotz einfachster Technik jede Bodenwelle glatt. Das diffuse Fahrverhalten und die indirekte Lenkung stören beim Cruisen nicht. Wer mit diesem Auto auch nur minimal sportlich fahren möchte, dem geht spätestens bei der nächsten Kurve ohnehin die Straße aus.

Die Ausstattung entsprach mit 3-Gang-Automatik, Servolenkung, -bremsen, elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung und Radio sowie einigen Optionen wie automatische Sitzbankverstellung, Tempomat und automatische Fernlichtabdimmung damaligem amerikanischem Luxuswagen-Standard. Mit Ausnahme des Radios, das aufgrund des amerikanischen Frequenzbereichs nicht in der Lage ist SWR3 zu empfangen und natürlich auch keine CDs abspielt, genügt die Ausstattung meinen Ansprüchen. Drei Zigarettenanzünder und vier Aschenbecher in einem Auto lässt vermuten, dass dies Luxuskriterium der 60er Jahre waren. Bemerkenswert ist der Verdeckmechanismus, der mit 11 Relais, einem komplizierten System mechanischer und hydraulischer Komponenten manchmal funktioniert, ansonsten jeden Besitzer und jede Werkstatt in den Wahnsinn treibt. Im Funktionsfalle verschwindet das Verdeck innerhalb von 70 Sekunden vollautomatisch im Kofferraum, dessen Klappe sich ebenfalls automatisch öffnet und schließt.

Der Lincoln Continental ging seinerzeit unter erstaunlichen Qualitätsgesichtspunkten in Serie: Harold C. McDonald, technischer Leiter bei Ford ließ die solideste Unterkonstruktion bauen, die jemals das Werk verlassen hatte. Äußerst geringe Fertigungstoleranzen bei der Blechfertigung sollten dafür sorgen, dass man von einer Verarbeitung wie bei Daimler-Benz ausgehen konnte. Perfekte Geräuschdämmung und Federabstimmung sorgten für einen absolut ruhigen Ritt. Ein spezielles Verfahren gegen Rost wurde genauso angewandt wie eine dreifach überprüfte Elektrik. Jeder Motor absolvierte einen dreistündigen Testlauf bei 3500 U/min, wurde danach zerlegt, wieder zusammengebaut und schließlich installiert. Genauso verfuhr man mit dem Automatikgetriebe. Eine Checkliste von 200 verschiedenen Punkten wurde vor der Auslieferung abgehakt, inklusive einer Probefahrt von 12 Meilen. Mit einem speziellen Schwarzlicht-Verfahren spürte man nach undichten Stellen im Ölkreislauf. Die zweijährige 24.000 Meilen-Garantie war seinerzeit einmalig.[4] Dieses Bemühen um Qualität ist selbst nach über 40 Jahren noch spürbar. Doch auch an diesem Auto ging die Zeit nicht spurlos vorbei und man wünscht sich nichts sehnsüchtiger als die zweijährige Garantie.

1962 kostete der Lincoln Continental Convertible 6.720 $ und war damit teuerer als das teuerste Cadillac Cabrio, der Eldorado Biarritz[5]. In Deutschland kostete der Lincoln wohl um 41.000.- DM[6]. Verglichen damit war das teuerste deutsche Cabrio, der Mercedes 300 SE mit 33.350.- DM geradezu billig[7]. Größerer Verbreitung waren so enge Grenzen gesetzt. Produziert wurden 1962 gerade mal 3212 Stück[8]. Der Kraftstoffverbrauch liegt mit durchschnittlich 24 Liter/100 km[9] zwischen dem des Mercedes (18 Liter/100 km)[10] und dem des Cadillacs (28 Liter/100 km)[11].

Heute hat sich die Situation völlig verändert. Ein Lincoln Cabrio kostet den Bruchteil eines Mercedes. Dank H-Zulassung und Oldtimer-Versicherung sind die Fixkosten nahezu gleich und die höheren Kraftstoffkosten des Lincoln fallen bei den geringen Laufleistungen ohnehin nicht ins Gewicht. Damit ist der Lincoln, wie alle alten US-Fahrzeuge ein echtes Schnäppchen. Dramatisch sind nur die Kosten für Instandhaltung, da die Technik relativ komplex und die Ersatzteilversorgung durchaus schwierig ist.

Der 62er Lincoln Continental ist mein erstes klassisches Fahrzeug. Fasziniert vom Design und dem American Way of Drive habe ich dieses Fahrzeug im September 2002 nach langer, intensiver Suche wohl im Anfall geistiger Umnachtung erworben. Das Auto befand sich in ehrlichem, generell gesundem aber keineswegs mängelfreiem Zustand. Da ein besseres Exemplar nicht aufzutreiben war, griff ich zu. Nach 20 Jahren platonischer Liebe zu Klassikern wollte ich meine Leidenschaft endlich in die Realität umsetzen, um zu erkennen, dass Leidenschaft von Leiden schaffen kommt.

Schon der Start der ersten Ausfahrt gelang nur mit Hilfe des außerordentlich engagierten ADAC Pannendienstes. Nach 30 km hakte die Lenkung. Vorsichtig fuhr ich nach Hause und ließ das Auto dann auf Anraten des ADAC in eine Werkstatt schleppen. Die Saison 2002 war damit gelaufen und ich hatte genügend Zeit meine Entscheidung zu überdenken und mich dem Gespött und den guten Ratschlägen meiner Freunde auszusetzen. Hinzu kamen Existenz bedrohende monatliche Abschlagsrechnungen meiner Werkstatt. Immerhin, prominentere Menschen haben die Fahrt im Lincoln Cabrio mit dem Leben bezahlt[12]. So betrachtet sind meine Aufwendungen vergleichsweise gering. Sieben lange Monate später, konnte ich das Auto wieder abholen. Diverse Nacharbeiten standen zwar noch aus, aber das Auto war fahrbereit und der Spaß konnte beginnen.   

[1] Siehe Langworth/Flammang, Amerikanische Automobile der 60er Jahre, Heel Verlag 2001, S. 186

[2] Vgl. Motor Trend, May 1962

[3] Vgl. Martinez/Nory , Vom Cadillac zum Studebaker, Motorbuch Verlag 1982, S. 79

[4] Siehe Street Magazine 01/2000

[5] Vgl. Lenzke, Standard catalog of Cadillac 1903 - 2000, Krause Publications 2000, S. 92

[6] Vgl. Internet, www.msb.de/lincoln

[7] Vgl. Oswald Deutsche Autos 1945 – 1975, Motorbuch Verlag 1976, S. 231

[8] Vgl. Gunnell, Standard catalog of Ford 1903 – 2003, Krause Publications 2002, S. 333

[9] Vgl. Motor Trend, May 1961

[10] Vgl. Oswald Deutsche Autos 1945 – 1975, Motorbuch Verlag 1976,  S. 235

[11] Vgl. Motor Trend, May 1961

[12] John F. Kennedy, Dallas, 1963